Veröffendlicht im "Haupstadt Blog" von Sebastian in Kultur am 17. Oktober 2010, 22:37
Eine weite, weiße Schneelandschaft. Aus der Ferne nähert sich mit langsamen Schritten ein Mann. Im Vordergrund liegt etwas Undefiniertes. Unwillkürlich kommen mir ‘Fargo’ oder Fräulein ‘Smillas Gespür von Schnee’ in den Sinn. Gleich die erste Szene des Films ATME gibt sich ambitioniert, zeigt, dass die Macher sich etwas vorgenommen haben.
Die Macher, das ist ein Team von in Berlin lebenden und arbeitenden Schauspieler, Produzenten und Kameraleuten in Zusammenarbeit mit finnischen Kollegen. Herzblut, ein wenig eigenes Geld und die Kunst ein Projekt ohne Förderung zu realisieren; das ist Berlin.
Zurück zum Film. Das Objekt im Schnee ist eine leblose Frau, die der langhaarige Kerl auf seine Schultern wuchtet und in seine Hütte am Waldrand in der finnischen Einsamkeit bringt.
Die von der Hauptdarstellerin Christine Heimannsberg* gespielte Frau verbringt die nächsten Tage damit sehr langsam aus ihrer offensichtlichen (Lebens-)Starre zu erwachen; wortlos umsorgt vom Einsiedler.
Durch Rückblenden wird der Zuschauer in die zweite Handlungsebene nach Berlin geführt. Johanna lernt den in einer Bar kellnernden Nick kennen. Nach der ersten geteilten Nacht folgen weitere bis zum gemeinsamen Haushalt. Es entwickelt sich ein konfliktbeladenes Verhältnis, das beim Zusehen schmerzt. Nick interessiert sich mehr für Drogen und andere Frauen als für die Vertiefung seiner Beziehung zu Johanna, die von dem fragilen Gebilde jedoch nicht loskommt.
Die Wechsel zwischen der Katharsis in der norwegischen Stille und dem auf einen dramatischen Höhepunkt hinauslaufende großstädtischen Spielort klappen gut. Wortfreies Verständnis auf der einen und wortwechselndes Unverständnis auf der anderen Seite. Der Plot trägt bis Schluss, denn man will wissen, was Johanna durchlebt hat und wie sie wieder rauskommt.
Manchmal hätte man sich für die Berliner Szenen noch einiges mehr an Tempo und weniger reduzierte Kulissen gewünscht. Auch die Dialoge zwischen Johanna und Nick erscheinen zu sehr zurückgenommen.
Umso überzeugender ist der Film fotografiert, keine einzige Einstellung ist hingeschludert. Man hat sich Zeit gelassen und der Film nimmt sich Zeit. Die wohlgesetzte Symbolik in den einzelnen Szenen dient der Handlung. Besonders gelungen ist Johannas versinnbildlichte Eroberung ihrer Umgebung rund um die finnische Hütte.
ATME ist ein sehenswerter Film, der zeigt, was die beteiligten Personen auf dem und damit auch im Kasten haben. Ich wünsche der Crew deshalb viel Erfolg bei den Hofer Filmtagen 2010, wo das Werk am 27. Oktober einem breiteren Publikum gezeigt wird. Und wenn sich ein Verleih findet, könnten sich noch mehr Menschen ein eigenes Urteil bilden.
*Die Hauptdarstellerin ist dem Autor persönlich bekannt.